Ich lese meine Blogbeiträge zu Corona aus der ersten Jahreshälfte und staune ob meinen damaligen Einschätzungen. Corona schien zwar schlimm, aber müsste mit einer Hauruckübung zu bewältigen sein, ein kurzes, heftiges Gewitter, eine Auszeit vor der Normalität. Applaus für die weissen Kittel würde das Virus besiegen.

Falsch gehofft. Bis heute wird die Welt ziemlich durchgeschüttelt, ein schnelles Ende ist nicht in Sicht. Aber ich mag mich gar nicht an den Glaubenskriegen beteiligen, wer recht gehabt hätte, wer die Patentlösung aus dem Ärmel schütteln könnte, wenn man ihn nur fragte. Ich bedaure das vielen Leiden, die Lebensjahre, die viel zu früh vernichtet wurden. Ich denke an die Fachleute, die an ihre Grenzen gehen und darüber hinaus. Wie klein ist mein Alltag geworden: Ich habe mich an die Gesichtsmasken gewöhnt, auch wenn ich das Lächeln vermisse. Ich bin froh, wenn geimpft werden kann. Ich bin dankbar, wenn ich ungeschoren davonkomme.

Und dann freue ich mich darauf, die Isolation, die Lebensfreude auf Sparflamme langsam, aber sicher hinter mir zu lassen. Dann werden wir wieder am langen, festlichen Tisch sitzen, einander nah sein, und ein gemeinsames Essen geniessen und reden und lachen und einander zuprosten, ohne Angst vor Ansteckung haben zu müssen.