Ich setze mich ins Berner Münster, auf meinen Lieblingsplatz im Seitenschiff. Das Gegenlicht von der Plattform her bricht sich in den Glasfenstern, lässt die Touristen, die durch das Mittelschiff schlurfen im Halbdunkel verschwinden. Ein guter Ort, um den Gedanken nachzuhängen.

Letzte Nacht hat die Notre-Dame in Paris gebrannt, die Schäden sind unabsehbar. Wie es weiter geht, ist noch offen. Doch Kirchen haben immer gebrannt, wurden wieder zu neuem Leben erweckt. Es sind starke Gebäude, die weiterleben.

Mir bleibt Zeit, mich an «meine» Notre-Dame zurückzuerinnern. Mit knapp zwanzig stand ich nach einer zermürbenden Fahrt im Nachtzug zum ersten Mal vor den beiden riesigen Türmen, betrat tief beeindruckt den Innenraum, staunte. Das Berner Münster schien mir im Vergleich dazu wie eine Kapelle.

Später war ich öfters in Paris, die ersten Schritte führten mich jeweils zur Kathedrale. Ich war stolz, als die Fassaden gereinigt waren, sie hell und weiss strahlten. Wir kletterten über die Baustelle des Parkhauses, schritten später wie die Könige über den sanierten Vorplatz, teilten unsere Notre-Dame mit immer mehr Touristen.

Leute vor Notre-Dame im Abendlicht

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Mein liebstes Bild gilt einem milden Abend im Jahr 1976, auf dem Vorplatz. Ich fotografierte, ein guter Freund hatte mir seine Kamera geliehen. Vor der Notre-Dame sass eine bunte Menge, die Leute musizierten, sangen und liessen ein paar Flaschen billigen Rotwein kreisen. Sie standen so fern und doch so nah bei der stolzen Kirche.

Daran erinnere ich mich heute, wenn ich die Bilder der Brandruine betrachte: die stolze, imposante Notre-Dame und die vielen fröhlichen Leute davor.

Inzwischen ist die Sonne weitergezogen, das Licht im Berner Münster ist gedämpft. Zeit für mich, weiterzugehen, hinaus, auf den hellen Münsterplatz mit den roten Stühlen.